„Fragen Sie mich ruhig, wie ich mit achtzehn war“

Hier gibt es ein Interview mit Charlotte Roche über Ihr neues Buch “Feuchtgebiete” als Podcast von DFL und unten ein Interview mit der FAZ.

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Charlotte Roche im Interview: “Fragen Sie mich ruhig wie ich mit achtzehn war”

 

Die ganze Hygienehytserie regt sie schon seit Jahren auf: Charlotte Roche25. Februar 2008 Charlotte Roche, 29, bekannt geworden durch ihre wenig konformistischen Moderationen beim Musiksender Viva 2, hat einen Roman über die Hygienehysterie unserer Zeit geschrieben. Sie erzählt in „Feuchtgebiete“ aus der Perspektive einer 18-Jährigen, betreibt Körperpolitik, indem sie mit den erzähltechnischen Mitteln der Übertreibung jenes Hygienediktat in Frage stellt, dem wir in westlichen Gesellschaften unterliegen. Im Gespräch ist schnell klar, dass wir uns über die Körperideologie, wie sie von Frauen- und Männermagazinen propagiert wird, nicht einfach erheben können. Es wäre ein schöner Betrug, zu behaupten, man selbst sei davon nicht affiziert. Man kann sich aber fragen, was Frauen wie Männer alltäglich glauben mit sich anstellen zu müssen – und welche Redeverbote wir beharrlich aufrechterhalten.

Charlotte Roche, Ihr Buch ist in jeder Hinsicht explizit und an manchen Stellen eklig. Wenn Bekannte oder Freunde Sie fragen, worum es geht, was sagen Sie?

Das kommt ganz darauf an, wer fragt. Wenn zum Beispiel meine Kosmetikerin sagt: Sie haben ein Buch geschrieben! Worum geht es darin? Dann sage ich: Es geht um ein Mädchen, das im Krankenhaus liegt – mehr sage ich nicht. Und wenn sie dann sagt: Dann lese ich das mal, dann rate ich ihr davon ab, weil ich weiß, dass sie ein Problem hätte. Sie ist ja Kosmetikerin, und Kosmetikerinnen sind von Berufs wegen Hygienikerinnen. Ich nehme auch oft das Wort „Pornographie“ in den Mund, um Leute abzuschrecken, wenn es sich um Verwandte handelt und ich denke, sie sollen das lieber nicht lesen, weil mir das unangenehm wäre und zu nahe käme. Dabei weiß ich natürlich, dass das Wort „Pornographie“ falsch ist.

 

Es ist keine Pornographie.

Nein, aber was ist es? Es gibt kein Wort.

Es geht um die 18-jährige Helen, die im Krankenhaus liegt, weil sie unter Hämorrhoiden leidet und sich beim Rasieren eine Analfissur zugezogen hat. Sie hasst alles, was mit Hygiene zu tun hat. Und so hört man ihr am gewissermaßen hygienischsten Ort der Welt, nämlich dem Krankenhaus, dabei zu, wie sie sich ihre Gedanken über ihren Körper macht – und zwar über die Dinge, die gewöhnlich jeder mit sich selbst ausmacht, über die man nicht spricht. Haben Sie sich vorher eine Liste von Dingen gemacht, für die es ein gewisses Redeverbot gibt?

Nein, das nicht. Ich wusste, dass ich etwas über die Themen „Frauen, Hygiene, Gerüche“ schreiben wollte, über die ganze Hygienehysterie, von der wir umgeben sind und die mich schon seit Jahren aufregt: parfümierte Slipeinlagen, Intimwaschlotionen, dieser ganze Wahnsinn. Zunächst habe ich überlegt, ein Sachbuch zu schreiben.

Noch ein Feuchtgebiet: Charlotte Roche in Michael Hofmanns Film “Eden“

Noch ein Feuchtgebiet: Charlotte Roche in Michael Hofmanns Film “Eden”

Das wäre wahrscheinlich einer dieser Ratgeber in Ich-Form geworden, wie er in den Frauenecken der Buchhandlungen steht.

Furchtbar, ja. „Charlotte Roche empfiehlt!“ Da hätte mir die Distanz gefehlt, und es kam mir auch zu plump vor, ein Pamphlet zu schreiben. Ich habe mich gefragt, was ich besonders gut kann, und das ist: hingucken. Es ist ein Wesenszug von mir, dass, wenn Menschen um bestimmte Dinge einen Bretterverschlag herumbauen, ich diejenige bin, die diese Bretter gerne aufbricht und mit zwei Taschenlampen hineinleuchtet. Das ist auch meine Art von Humor. Es gibt Tabus, die Sinn machen. Andere führen aber nur zu Verklemmtheiten. Da ist zum Beispiel diese Sache mit den Hämorrhoiden. Wenn man mit Proktologen spricht, berichten die, dass sie immer als Erstes fragen, ob das in der Familie öfter vorkomme.

Hämorrhoiden sind vererbbar?

Genau. Jeder Patient sagt dann, das wisse er nicht. Das macht ja nun wirklich keinen Sinn! Es ist also kein Zufall, wenn ich in meinem Roman einer Frau Hämorrhoiden andichte – keinem alten Mann, sondern einem Mädchen. Wo es um Hämorrhoiden geht, muss es auch um Stuhlgang gehen, das geht gar nicht anders.

Allerdings ist „Feuchtgebiete“ ja nun kein Hämorrhoiden-Aufklärungsroman. Es geht auch nicht einfach um Tabubruch, was ein bloßer Effekt und deshalb langweilig wäre. Der Roman bringt zur Sprache, was sonst verschwiegen wird, phantasiert es dabei aber immer noch eine Stufe weiter, übertreibt mit einer großen Lust bis hin zum Ekel. Das macht den Roman so komisch, und darin liegt auch seine befreiende Wirkung.

Es gibt Menschen, die ihre Tabus behalten wollen, und das sollen sie dann auch. Ich will kein Tabu brechen, sondern eher von innen nach außen stülpen, wie wir eigentlich alle sind: das ganze geheime Toilettenleben, womit ich auch Masturbation meine. Jeder hat doch da sein Ding am Laufen und seine Gedanken. Und man macht das alles mit sich selber aus, weil man überhaupt nichts darüber erfährt, wie andere damit umgehen. Ich glaube, dass Menschen sich einen Großteil ihres Lebens mit ihren Körperfunktionen beschäftigen und diese im Umgang mit anderen vollkommen aussparen. Das heißt allerdings nicht, dass meine Heldin Helen, und damit ich, völlig schamlos wären. Das Gegenteil ist der Fall. Helen hat Probleme mit sehr vielen Dingen und ich natürlich auch. Ich habe mir diese Romanfigur erfunden, mit ihr experimentiert und war selbst überrascht, was beim Schreiben alles zu Tage kam. Es war ein bisschen so, als würde ich auf Helen reiten, und sie galoppierte mir dann davon.

Die Hygienehysterie, wie sie von Frauen- und Männermagazinen propagiert wird, kommt dabei nicht direkt vor. Trotzdem hat man den Eindruck, dass sie es ist, die attackiert werden soll: das Bild der „perfekten Frau“, die zu jeder Tageszeit komplett rasiert sein sollte und als Gesamtkunstwerk mit gemachten Finger- und Fußnägeln und Haaren vor allem darauf achten muss, dass nichts durcheinandergerät. Helen ist da die Gegenfigur.

Ja. Sie ist ziemlich immun gegen das Diktat von außen – mehr als andere Frauen und zum Beispiel auch mehr als ich. Sie hält die überall verordnete Rasiererei mit „Venus Ladyshave“ eigentlich für reine Zeitverschwendung. Das Ganze dauert ja auch: die Augenbrauen zupfen, den Damenbart, die Achselhaare rasieren, die Scham, die Beine. Ich habe Armhaare, aber ich kenne viele Frauen, die sie sich mit Wachs wegepilieren lassen. Es ist immer wieder interessant, festzustellen, wie enorm empfänglich in dieser Hinsicht gerade Frauen für den Druck von außen sind.

Was nicht heißt, dass Männer das nicht wären. Sich die Brusthaare wegzurasieren, was einige meinen, tun zu müssen, ist auch Arbeit.

Natürlich, nur ist es bei Frauen viel verbreiteter. Der Witz dabei ist ja, dass jeder es anders mag. Ältere Männer zum Beispiel mögen nicht unbedingt, wenn bei Frauen alles rasiert ist. Da glaubt man, alles richtig gemacht zu haben, und in bestimmten Situationen ist es dann doch vollkommen falsch. Völlig absurd! Darum geht es: Dass man sich fragt, was man da eigentlich befolgt, ohne es zu reflektieren. Es gibt Mädchen, die sich von Anfang an rasieren und, noch bevor sie jemals Sex hatten, unten herum schon so aussehen wie Pornodarstellerinnen. Man versteht nicht, was das eigentlich soll. Im Pornofilm macht es Sinn, da sieht man dann alles besser. Bei jungen Mädchen, schätze ich, hat es eher etwas mit dem Wunsch nach Auslöschung von Persönlichkeit zu tun.

Was meinen Sie, wie groß ist der Einfluss der Körperideologie, wie sie von Frauenmagazinen propagiert wird?

Der ist enorm. Es sind Bilder! Frauen sind hypersensibilisiert für Körpervorschriften. Wenn sie wissen, dass man das jetzt so macht, zum Beispiel in Amerika, dann machen die das auch alle so. Ich glaube nicht einmal, dass diese Vorschriften von Männern gemacht sind, sondern von Frauen selbst.

Und als Frau befolgt man das, weil man glaubt, es sei eine männliche Projektion, ohne es genau zu wissen.

Genau. Ich rede mit Männern natürlich viel über solche Themen, und sie sind oft eher befremdet, wie bekloppt Frauen mit sich sind, so hart und so streng. Sie finden das masochistisch.

Würden Sie sich als Feministin beschreiben?

Absolut.

Inwiefern?

Zunächst einmal bin ich feministisch erzogen worden. Das ist nichts, was ich mir angeeignet habe, es wurde mir in die Wiege gelegt. Meine Mutter ist in einem Fünfziger-Jahre-Haushalt in England groß geworden und damals ausgebrochen. Für mich hat es viel mit Zivilcourage zu tun, dass man seinen Blick für die verschiedenen Formen von Frauenfeindlichkeit schärft, die es gibt: in den Medien, im Beruf, im Freundeskreis oder in Beziehungen. Und dass man sich überall, wo man kann, für Frauenrechte einsetzt. Das klingt jetzt sehr hochtrabend, es können aber auch kleine Dinge im Alltag sein, die Art, wie ich meine Tochter und meinen Stiefsohn erziehe, zum Beispiel. Im Buch ist es natürlich auch feministisch gemeint: dass man mal fragt, wieso Frauen und ich selbst auch bestimmte Dinge glauben mit sich machen zu müssen. Das tut man ja alles nicht aus freien Stücken. Keine Frau, die wir kennen, würde es sich trauen, am Arbeitsplatz im Sommer ärmellos mit Achselhaaren herumzulaufen. Das ist ein Ding der Unmöglichkeit!

Sie selbst sind mit Achselhaaren aufgetreten, in Ihrer Fernsehsendung auf Viva.

Ja. Und da hat man ja nun gemerkt, damals, als das im Fernsehen sichtbar war, welche Art von E-Mails man bekommt, wenn man so etwas macht. Und zwar von Frauen! Die Frauen werfen den ersten Stein auf die Verräterinnen der Norm, nicht die Männer.

Was halten Sie davon, wenn Frauen – und zwar Feministinnen – Pornographie grundsätzlich zu Gewalt erklären, wie die Zeitschrift „Emma“ das in ihrer neu aufgefrischten „PorNO“-Kampagne vor ein paar Monaten erst wieder gemacht hat?

Ich finde es völlig absurd, Pornographie verbieten zu wollen. Einfach per se zu sagen, dass Frauen darin erniedrigt werden, ist komplett falsch. Der Regisseur Andrew Blake ist da ein gutes Gegenbeispiel. Es gibt verschiedene Pornofilme für verschiedene Wünsche, alle werden bedient. Zu sagen: In Pornofilmen werden Frauen erniedrigt und im echten Leben machen Männer das dann auch, ist im Übrigen auch nicht wahr. Es ist etwas abstrus, die sexuelle Phantasie bereinigen zu wollen. Alice Schwarzer zum Beispiel ist ja auch gegen bestimmte Spielweisen des Sexes. Aus meinem Bett würde ich Alice Schwarzer deshalb gerne heraushalten. Am Ende ist es mir aber lieber, sie macht „PorNo“-Aktionen als Werbung für die „Bild“-Zeitung, die ich für nicht nur frauen-, sondern für menschenverachtend halte.

Ihre Heldin im Buch ist achtzehn. Sie changiert zwischen Lust an der Provokation und äußerster Scham.

Sie dürfen mich ruhig fragen, wie ich war, als ich achtzehn war.

Wie waren Sie?

Heftig. Ist man mit achtzehn noch in der Pubertät?

Ich würde sagen ja.

Seitdem ich mein Buch geschrieben habe, lese ich Literaturkritiken. Und da stelle ich fest, dass die literarische Leistung immer dann besonders hervorgehoben wird, je weniger das Buch autobiographisch ist. Ich aber mag meine Figur so gerne, dass ich das Gefühl hätte, ich würde sie verraten, wenn ich sie weit von mir weg schieben und sagen würde: Entschuldigen Sie, das bin doch nicht ich! Natürlich hat sie viel von mir, was sonst. Aber sie hat auch ganz viel von dem, wie ich gerne wäre.

Der Druck von außen, den Sie beschreiben, wird stärker, je älter man wird. Ist das etwas, was Ihnen Angst macht?

Nein. Ich bin ganz gut mit Älterwerden, weil ich mich viel damit beschäftige und darüber lese. Ich will niemand sein, die leidet, wenn sie alt wird. Ich habe ein paar einzelne graue Haare und beschlossen, sie wachsen zu lassen. Ich habe beschlossen, allmählich grau zu werden, weil ich nicht weiß, wann ich, wenn ich meine Haare färbe, wieder damit aufhören soll. Vielleicht sehe ich dann bald aus wie die Böse aus „101 Dalmatiner“, mit einem weißen Pony, den ich mir mit Haarspray hochtoupiere. Ich suche mir eigentlich immer Vorbilder, die älter sind als ich. Ich will nicht irgendwann als Vierzigjährige wie eine Frau aussehen, die zwanzig sein will. Ich wäre gerne eine Vierzigjährige, die sich wohl fühlt in ihrem vierzigjährigen Körper. Dafür muss man sich immun machen gegen den Druck, der von außen kommt. Ich hasse Schönheitsoperationen wie die Pest. Ich war als Kind schon so verliebt in Maude aus „Harold und Maude“ und denke mir oft: Wenn ich jetzt erst fast dreißig bin, muss ich noch fünfzig Jahre warten, bis ich endlich aussehe wie Maude.

Interview Julia Encke

Charlotte Roche: „Feuchtgebiete“. Roman. DuMont-Verlag, 220 Seiten, 14,90 Euro

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.02.2008, Nr. 8 / Seite 25
Bildmaterial: Cinetext/Metzger, Pandora/Cinetext

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