Der Fall Gropius

Zitat von

PressDisplay.com – Süddeutsche Zeitung Deutschland-Ausgabe – 9 Feb 2008 – Der Fall Gropius

Der Fall Gropius -Anderswo werden Schlösser und Kirchen rekonstruiert: Aber Dessau wünscht sich die Moderne zurück – zu Recht / von Günter Kowa

Foto: Lucia Moholy/Bauhaus-Archiv Berlin - Als die Moderne noch jung und kein Fall für Rekonstruktions-Debatten war: das Gropiushaus in Dessau.In Deutschland werden überall barocke Schlösser und Kirchen aufgebaut? Nicht doch – in Dessau regt sich Widerstand. Es gibt in der kriegszerstörten Residenzstadt zwar aktuell keine Pläne zum Wiederaufbau höfischer Kulissen, dafür aber ein profiliertes Bauvorhaben, bei dem die Moderne auferstehen soll. In der weltbekannten Meisterhaussiedlung, entworfen 1926 von Walter Gropius für die Professoren am Bauhaus, sind zwei kriegsbedingte Fehlstellen zu bebauen: die verlorene Doppelhaushälfte MoholyNagy und das allein stehende Direktorenhaus von Gropius selbst.

Nun läge es nahe, diese Gebäude in Analogie zu den vorhandenen und aufwendig restaurierten Doppelhäusern sowie anhand verschiedener Quellen zu rekonstruieren. Empfehlungen in diesem Sinne kommen von international renommierten Fachleuten wie dem Münchner Architekturhistoriker Winfried Nerdinger und dem Präsidenten der internationalen Denkmalschutz-Organisation Icomos, Michael Petzet. Das wird auch die Unesco zur Kenntnis nehmen, da die Siedlung zum Weltkulturerbe gehört.

Vehement dagegen aber plädiert die Stiftung Bauhaus. Programmatisch eingeschworen auf die „Aktualisierung der Moderne“ fordert sie Alternativen zur Rekonstruktion ein. Direktor Omar Akbar erklärt im Interview: „Rekonstruktion ist Geschichtsfälschung.“

Also führt das Bauhaus eine „Debatte“. Zumindest zählt es die Ergebnisse des „Bauhaus Award“ dazu, bei dem vor zwei Jahren junge Architekten zum Thema Gropius-Haus jede nur denkbare Spielerei zu Papier brachten. Gleichzeitig hetzten zwei Mitarbeiter umdie halbe Welt, um prominente Architekten und Akademiker nach ihrer Meinung zum Umgang mit dem Gropiushaus zu fragen. Orts- und Sachkenntnis im Detail war da eher nicht zu erwarten, aber die Äußerungen sind auf einer DVD dokumentiert, die dem Band „Um-Bauhaus“ beigelegt ist. Darin wird erklärt, das GropiusHaus sei die „Idee der Gestaltung überhaupt“.

Wäre es um eine ernsthafte, öffentliche Debatte gegangen, hätte die Stadt Dessau Fachleute zu einer Konferenz eingeladen und aus der Diskussion ihre Schlüsse gezogen. Aber die Stadtverwaltung will nicht „provinziell“ sein. Und in Sachsen-Anhalt haben der Bau- und der Kultusminister ein vitales Interesse daran, der Internationalen Bauausstellung zum Thema Stadtumbau, die 2010 stattfinden soll, ein Glanzlicht aufzusetzen.

Dieses soll mehr sein als Denkmalpflege rein und simpel. So sieht es auch Landeskonservatorin Ulrike Wendland. Sie trägt konzeptionell maßgeblich zu dem weltweit ausgeschriebenen Architektenwettbewerb bei, den sich das Land 300000 Euro kosten lässt. Die von ihr formulierte Aufgabenstellung wirft ein Schlaglicht auf den Stand der Diskussion zum Thema „Rekonstruktion“.

Beispiel Frauenkirche

Vorauszusetzen ist ein genauer Blick auf die Ausgangslage. Die MeisterhausSiedlung war als Ensemble gedacht, das jetzt empfindlich gestört ist: Von den drei Doppelhäusern besteht eines nur noch zur Hälfte, das Gropiushaus wurde 1956 mit einem erztraditionellen Satteldachhaus überbaut. Während aber die zerstörte Haushälfte nachdem Krieg restlos abgerissen wurde, stehen vom Gropiushaus noch beträchtliche Reste: die Terrasse, die Garage, Teile der Umfassungsmauer und vor allem die bis zur Decke erhaltene ehemalige Souterrain-Wohnung für den Hausmeister. Das Haus mit dem Satteldach wiederum wollen manche als Reaktion der frühen DDR auf die damals verpönte Bauhaus-Tradition sehen.

So gibt es auch Stimmen, die empfehlen, die gewachsene Situation als Zeitdokument zu konservieren. Aber da die Stadt mit ihrem Bauhaus-Erbe auf eine halbe Million Besucher pro Jahr hofft, will sie ein repräsentatives Entree schaffen. Ein detailgetreuer Wiederaufbau des Gropiushauses könnte darüber hinaus den Modellcharakter des Wohnhauses mit all seinen offenkundigen Unzulänglichkeiten demonstrieren.

Aber die Ausschreibung erklärt die Rekonstruktion für unmöglich. Ins Feld geführt werden die nicht mehr verfügbaren originalen Baustoffe, die mangelnde Information über die Farbigkeit, auch die angeblich unzureichende Dokumentation der Bauten. Aus der Charta von Venedig wird der Satz zitiert: „Die Restaurierung (hier bezogen auf Rekonstruktion) ist eine Maßnahme, die Ausnahmecharakter besitzen sollte.“

Akbars Wort von der „Geschichtsfälschung“ tut ein Übriges. Am Fall Dessau zeigt sich aber, wie die gebetsmühlenartig wiederholte Fundamentalkritik am Rekonstruieren das Denken blockiert. Sie unterscheidet nicht zwischen der Rekonstruktion aus dem Nichts wie bei den Stadtschlössern von Berlin, Potsdam oder Braunschweig, und der Teilrekonstruktion eines noch partiell erhaltenen architektonischen Gefüges. Die Diskussion beißt sich fest am „Authentischen“. Die Befürworter von Rekonstruktionen sind ihrerseits vielfach motiviert von diffusen Sehnsüchten nach harmonischen Stadtbildern und Ressentiments gegen die Moderne. Der einzig wesentliche Grund für Rekonstruktion ist in Berlin und Potsdam aber die aufgerissene städtebauliche Situation, für deren Heilung nur das Volumen, nicht die historisch nachempfundene Bauzier nötig ist.

Am Beispiel der Dresdner Frauenkirche dagegen geht die Fundamentalkritik am Ziel vorbei, da ihr Wiederaufbau auf historischer Substanz fußte. Anders als durch Rekonstruktion ist das dynamisch verschränkte Gefüge einer barocken Architektur in modernen Formen kaum zu ergänzen, es sei denn ein Gottfried Böhm schafft wie beim Saarbrücker Schloss eine ausdrucksstarke eigene Zutat aus dem Geiste des Barock.

Viele Befürworter der Rekonstruktion neigen zudem zur Maßlosigkeit. Das zeigte sich bei der Frauenkirche mit der (abgewiesenen) Forderung nach einer originalgetreuen Silbermann-Orgel. Sie sind auch inkonsequent. Willkürlich weggelassen wurde die barocke Seitenkanzel, eine Zutat von 1738, die die funktionalen Schwächen von George Bährs Zentralraum-Entwurf illustriert. Das passt aber nicht in das Bild vom genialen Zimmermann, das in Dresden so gepflegt wird.

Aus der Warte einer Teilrekonstruktion wird der Wiederaufbau des Dessauer Gropiushauses zu genau der „Maßnahme von Ausnahmecharakter“, die die Charta von Venedig für zulässig erklärt. Dass auch die Moderne rekonstruierbar ist, beweist etwa der Nachbau des BarcelonaPavillons von Mies van der Rohe, oder jüngst der Ausbau der Kirche von Firminy von Le Corbusier, die nach seinem Tod nur bis zum Sockelgeschoss fertiggestellt war. Es ging dort, wie jetzt in Dessau, umdie Komplettierung eines Ensembles der Moderne. Die sachlichen Einwände sind wenig überzeugend: Die Restaurierung der Meisterhäuser brachte alle nötigen Erkenntnisse zu Baumaterialien, und Gropius selbst hat sein Haus umfangreich in Büchern, Fotos und Filmen dokumentiert. Schließlich residiert der Bauhaus-Direktor selbst in einem Gebäude, das in weiten Teilen rekonstruiert, demnach also „gefälscht“ ist.

Im Schatten

Der Dessauer Wettbewerb führt die Pauschalkritik an der Rekonstruktion in ihren eigenen Prämissen ad absurdum. Das scheint man auch zu ahnen. Verniedlichend ist die Rede von einer „städtebaulichen Reparatur“. Auf Nachfrage im Kultusministerium wird bemüht darauf hingewiesen, dass ein Neubau selbstverständlich die Originale „nicht in den Schatten stellen“ dürfe. In ihren wortreich formulierten Vorgaben beschwört die Landeskonservatorin geradezu die Quadratur des Kreises: „Sowohl in der städtebaulichen Wirkung, im Verhältnis von Bauten und Freifläche als auch in der Detaillierung müssen ein architektonisches Niveau, eine ästhetische Nachhaltigkeit, die notwendige Ernsthaftigkeit sowie eine lokale wie weltweite Verständlichkeit für Laien- wie Fachrezipienten erreicht werden.“

Nicht kleinzureden aber ist die Konsequenz eines unvermeidlichen und verfremdenden Eingriffs in den überlieferten historischen Kontext. Nicht Rekonstruktion macht Dessau zum Sündenfall, sondern die Bereitschaft der Denkmalpflege, ein historisch überliefertes Ensemble aus Gründen eines medienträchtigen Aufsehens für architektonische Selbstdarstellung freizugeben. Damit macht sie sich selbst überflüssig.

 

Comments are closed.