Heimat gerät ins Zwielicht

Ein Artikel zu der Lesereihe “Die Barbarei des flachen Landes”; mehr Infos hier.

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Mitteldeutsche Zeitung vom 25.01.2008 – Ressort: Anhalt Kurier

Heimat gerät ins ZwielichtStadtplaner gegen Politikwissenschaftler: Welche Zukunft hat die Provinz? /von Ilka Hillger

Dessau-Roßlau/MZ. Irgendwann könnten also Kuhherden durch die Straßen der entvölkerten Städte Ostdeutschlands ziehen. Immerhin graben sich schon Wildschweine durch Vorgärten, spazieren Fuchs und Reh durch Grünanlagen. So kann es kommen, wenn Regionen schrumpfen und der Mensch Terrain, das er sich über Jahrhunderte eroberte, an die Natur zurückgibt. Aus Heimat wird wieder Landschaft – und die Stadtplaner müssen ordnen, was übrig bleibt.

Konträre Referate

Dass dies nicht leicht werden wird, demonstrierten am Mittwochabend zwei Diskutanten im Dessauer Schwabehaus. “Meine Kuh, meine Scholle, mein Block – Über den Standortfaktor Heimatbindung” hieß dort die vierte Veranstaltung innerhalb der vom Beatclub initiierten Reihe “Die Barbarei des flachen Landes”. Mit Film, Gesprächen und Lesungen beleuchtet sie seit Anfang Dezember “Die Provinz zwischen Rückständigkeit und Avantgarde”. Den Zuhörern im Schwabehaus wurde ein konfliktorientierter Abend versprochen, und dass es ein ebensolcher wurde, garantierten die beiden Gäste mit ihren völlig konträren Referaten zum Thema. Tom Fischer, Dessauer Stadtplaner, und Jan Gerber, Politikwissenschaftler aus Halle, näherten sich aus extrem unterschiedlichen Blickwinkeln der Heimatbindung.

Fischer tat dies ganz aus der Sicht des Stadtplaners heraus und aus dem eigenen Erleben eines Dessauers, der nachweislich einen hohen Grad regionaler Identität für sich selbst erreicht hat. Er führte den Freundeskreis Flussbaden an und berichtete, wie hier “Identität aus der Nische heraus” entstanden sei. “Mit dem Bindeglied Elbe ist aus einer Idee etwas Positives entstanden”, sagte er und machte gleich darauf am Beispiel des Schwabehaus-Vereins lokale Heimatbindung fest. “Ein kleine Gruppe mit unterschiedlicher Motivation hat auf breitester Basis eine Gemeinschaft gebildet, die sich einem festen Ziel verschrieben hat”, so Fischer. Als Ergebnis sitze man an diesem Abend in einem Haus, das längst fester Bestandteil von Stadtteilkultur sei.

So kann also regionale und lokale Identität funktionieren, wenn sie denn von engagierten Akteuren vorangetrieben und befördert wird. “Wie handelt man Einzelinteressen fair aus, um daraus ein gemeinsames Interesse zu entwickeln?”, ist für Tom Fischer eine wesentliche Frage, die freilich noch viel zu selten diskutiert werde. “Gesellschaftliche Maßstäbe des künftigen Miteinanders werden nicht definiert und diskutiert.” Dabei wäre jetzt, wo die Gesellschaft immer weiter schrumpft, die Gelegenheit, inne zu halten, um konzentriert nach Lösungen zu suchen.

“Wie handelt man Einzelinteressen fair aus, um daraus ein gemeinsames Interesse zu entwickeln?” Tom Fischer Stadtplaner

Diese zu finden war freilich nicht Thema des Abends. Politikwissenschaftler Jan Gerber unterstrich dies mit seinem ebenso provokanten wie pointierten Referat. Gerber scheint ein Mann, der sich generell schwer mit dem Begriff “Heimat” tut. Schon in der Ankündigung für die Runde erklärte er den Lokalpatriotismus zum “kleinen Bruder des Nationalismus”. Seine Beweiskette entwickelte er schlaglichtartig mit allen denkbaren Negativeindrücken aus der Provinz. Er attestierte den dort Lebenden eine “boshafte Wunderlichkeit”, bedauerte, dass Kinder die “produktive Phase des Ekels vor den Eltern überspringen”, um – gleich wie diese – saufend an Bushaltestellen zu lungern. “Es spricht viel dafür, diese Gegenden zu meiden und zu verlassen”, so Gerber. Ein gut gemeinter Rat, denn die Trostlosigkeit des Flachlands ließe sich nur durch Unmengen von Alkohol ertragen und dessen Konsum eskaliere in immer wieder neuen Angriffen gegen alles Fremde, von denen fast täglich die Medien berichten.

Zyniker übt Kritik

“Loblieder auf Heimatverbundenheit und regionale Identität sind Kampfansagen an das Fremde”, konstatierte Jan Gerber und machte beide Begriffe als Synonyme für Trost und Resignation aus. So traf die Sicht eines Zynikers auf die eines hoffnungsfrohen Einheimischen. Tom Fischer machte die von Gerber aufgezeigten Szenarien vor allem am gesellschaftlichen Klima vor Ort fest. Dieses zu beeinflussen sei eben auch wieder die Aufgabe von Stadtplanern. Ob und wie das gelingt, können später wieder Politologen und Soziologen bewerten. Beschäftigen tun sie sich dabei auf jeden Fall alle mit einem Stück Heimat, egal, wie sie sich dieser dabei verbunden fühlen.

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