Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es

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faz.net – Frankfurter Allgemeine Zeitung – 09.01.2008 – Feuilleton – Debatten
Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird esZum Hundertsten von Simone de Beauvoir / Von Julia Voss

Ihre Bücher haben die Welt verändert: Simone de Beauvoir

Ihre Bücher haben die Welt verändert: Simone de Beauvoir

09. Januar 2008 Was es an Simone de Beauvoirs hundertstem Geburtstag zu feiern gibt, versteht man am besten, wenn man kurz ins Jahr 1967 zurückblendet: Im April dieses Jahres sitzen zwei hohe Funktionäre der Boston Athletic Association auf dem Rücksitz eines Pressewagens. Ihre Aufgabe besteht eigentlich darin, Sport und Sportler zu fördern. An diesem Tag sehen sie aber ihre Aufgabe darin, den Läufer mit der Nummer 261 an der Teilnahme des Boston Marathon zu hindern. Der einzige Grund: Läufer Nr. 261 ist eine Frau, die Teilnahme war ihnen untersagt. Die Information hatte den Funktionären ein Fotograf gesteckt, Läufer Nr. 261 hatte sich unter dem Namen K. V. Switzer angemeldet; niemand war auf die Idee gekommen, dass es Kathrine V. Switzer sein könnte, eine Frau.

Mit Mütze und Jogginganzug trat also Nummer 261 an die Startlinie. Bei Meile zwei sprangen die Funktionäre aus dem Wagen, stürmten auf Nummer 261 zu und schrien: „Verschwinde, verdammt noch mal, aus meinem Rennen!“ Womit sie nicht gerechnet hatten: Tommy Miller. Hammerwerfer. Marathonläufer. Freund von Kathrin Switzer. Vertreter der Ansicht, dass Frauen, wenn sie möchten, einen Marathon laufen sollen, Miller also sorgte dafür, dass die Situation den umgekehrten Ausgang nahm. Am Straßenrand landeten nun die Funktionäre, und Switzer lief den Marathon zu Ende. Sie bewies damit, dass sein kann, was nicht sein darf. Frauen können Marathon laufen. Auch wenn Generationen von Ärzten erklärt hatten, warum das eine körperliche Unmöglichkeit sei. K. V. Switzers Bild ging um die Welt. 1984, immerhin, wurde Frauen-Marathon eine olympische Disziplin.

Das Zusammenspiel aus Rhetorik, Gesetz und Gewalt

Switzers Geschichte zielt ins Herz dessen, worüber Simone de Beauvoir in ihrem berühmtesten Buch „Le Deuxième Sexe“ – deutsch: „Das andere Geschlecht“ – bereits 1949 geschrieben hatte. Was die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung einundvierzigjährige Autorin fesselte, war ein Phänomen: die Behauptung, es gebe so etwas wie eherne Gesetze, die Frausein zu einem Schicksal mit beschränkten Möglichkeiten machten. Die Verquickung zudem, mit der diese dann doch nicht so ehernen Gesetze in die Wirklichkeit gehievt werden: Dass man den Frauen, auf der einen Seite, mit Hinweis auf angeblich objektive Befunde, die körperliche oder geistige Beschränktheit einredet, und dass, auf der anderen Seite, alle möglichen Hebel in Gang gesetzt werden, wenn eine Frau doch aus dem sorgfältig gezimmerten Rahmen zu steigen droht – Gesetze, Vorschriften oder auch rohe Gewalt.

Kathrin Switzers Erfahrung beim Boston-Marathon 1967 zeigt, worum es bei de Beauvoir geht

Kathrin Switzers Erfahrung beim Boston-Marathon 1967 zeigt, worum es bei de B...

Simone de Beauvoirs Buch erschien in zwei Teilen, der erste im Mai 1949, der zweite im Oktober. Der Satz, der wie ein Lauffeuer um die Welt ging, eröffnet in den winzig kleinen Buchstaben dieses eng bedruckten Wälzers das zweite Buch: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es.“ Weiter: „Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft einnimmt.“ Gemeint war das Zusammenspiel aus Rhetorik, Gesetz und Gewalt.

Ein Buch, hinter das niemand mehr einfach zurückkonnte

Vollkommen neu war das nicht: Mary Wollstonecraft etwa analysierte 1792 in der „Verteidigung der Rechte der Frauen“ diese Mischung aus gut Zureden, Verbieten und Strafen, Virginia Woolf schilderte 1929 in „Ein Zimmer für sich allein“ ebenso nüchtern wie anschaulich, was passiert, wenn sie einfach nur ein Buch aus einer Bibliothek ausleihen will. Die Literatur ist voll von solchen Beschreibungen, von Emily Brontë bis zu E. M. Forster. Man muss also keine Frau sein, um zu verstehen, was Boshaftigkeit, Unterdrückung und Gewalt ist; man kann ein Schriftsteller sein oder auch nur der Hammerwerfer Tom Miller.

Aber Simone de Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ erzählte nicht nur die Geschichte einer Frau, sondern trug in einem ungeheuren Kraftakt aus allen Bereichen Belege zusammen – aus Biologie, Literatur, Geschichte, Politik, Psychoanalyse oder Psychiatrie. Drei Jahre arbeitete sie daran, die ungeheuer Belesene, philosophisch Geschulte, literarisch Gewandte, setzte die Bausteine systematisch zusammen, ordnete und deckte am Ende ein historisches Muster auf. Darin gleicht sie den anderen großen Bewegern unserer Geschichte: Wie Charles Darwin einst in unendlicher Kärrnerarbeit seine „Entstehung der Arten“ schuf sie ein Buch, hinter das niemand mehr einfach zurückkonnte. Auch Darwin war nicht der Erste, der die Evolution vertrat – aber er war der Erste, der den Mechanismus beschrieb, sich die Mühe machte, Tausende von Belegen zusammenzutragen, sie zu einem massiven Berg von Daten und Argumenten zu formen, an denen sich nachfolgende Generationen mit Querelen und Spitzfindigkeiten die Zähne ausbissen. Bei Darwin stand die Erkenntnis, dass die Natur eine Geschichte hat, dass alles, was uns als immer so gewesen erscheint, keineswegs immer so war. Natur, darin bestand der Schock, war nach Darwin das, was sich ändert – weshalb sich auch alle mit Unrecht auf Evolution berufen, die behaupten wollen, dass alles immer so bleiben werde, wie es ist.

Ihre Lehre: Das Geschlechterverhältnis kann sich ändern

Die radikale Historisierung trieb Simone de Beauvoir im zwanzigsten Jahrhundert weiter: Sie lehrte uns, dass es das Geschlechterverhältnis ist, das sich ändern kann, dass es keine Notwendigkeit gibt, warum nur eine Hälfte der Menschheit regiert, studiert, richtet, predigt, malt, schreibt, wählt oder lehrt. Und dass es – darin war sie radikale Existentialistin – keine Ordnung gibt, die vorschreibt, wie Männer oder Frauen zu leben oder zu handeln haben.

Der verblüffendste Einwand, der gegen sie vorgebracht wurde, besteht bis heute darin, sie hätte außer Acht gelassen, dass Frauen – und nicht Männer – Kinder bekommen. Wie sollte sie das nicht bemerkt haben? Simone de Beauvoir hängte nur ein doppeltes Fragezeichen an. Das erste: Was, wenn sie es nicht tun? Sie selbst tat es nicht, und viele Frauen tun es heute auch nicht. Das zweite, noch viel bedeutendere Fragezeichen: Und was, wenn sie es tun? Was wissen wir über einen Menschen, wenn wir erfahren, dass die Entscheidung getroffen wurde, ein Kind zu gebären? Macht es sie, sagen wir, ungeeignet für Ministerposten, Nobelpreise, Institutsdirektorate, Firmengründungen, Erfindungen, Forschung, Meisterwerke in Kunst, Literatur, Philosophie oder verbietet sich damit der Wunsch, nicht auf Mutterschaft festgenagelt zu werden? Eben nicht. Natürlich bekommen Frauen die Kinder. Was daraus folgt, ist aber ganz und gar nicht natürlich, kein Schicksal, kein Gesetz, sondern die Entscheidung einer Gesellschaft. Ebenso wie die Entscheidung darüber, was Vatersein bedeutet, welche Aufgaben sich damit verbinden.

Das Buch müsste heute nicht nur Klassiker, sondern Bestseller sein

Simone de Beauvoir lebte selbst in einer Zeit des historischen Umbruchs. 1908 als erstes Kind in eine vornehme, aber eher mittellose bürgerliche Familie geboren, wuchs sie in einer eleganten Pariser Wohnung am Boulevard Montparnasse auf. Pferdekutschen dominierten das Straßenbild. Simone studierte Literatur und Mathematik, von 1926 an Philosophie an der Sorbonne. 1944 erhielten die Frauen in Frankreich das Wahlrecht. Damals war in der Londoner Royal Society noch immer die einzige Frau ein Skelett in der Sammlung, die Académie Française wählte 1979 die erste Frau in ihre Reihen. In Jean-Paul Sartre, den Simone de Beauvoir 1929 kennenlernte, fand sie, bei allen Höhen und Tiefen, einen lebenslangen Freund. Vielleicht war er das, was Miller für Switzer war: ein Mann, dem nicht einleuchtete, warum Frauen Fähigkeiten abgesprochen werden sollten. Er bestärkte sie darin, „Das andere Geschlecht“ zu schreiben.

Beauvoir trat eine Lawine los, die nicht ausgelaufen ist. Sie formulierte ein Forschungsprojekt, das von Michel Foucault bis Judith Butler weitergetragen wurde: die Einsicht, dass es kein Leben außerhalb des historisch Gewordenen gibt, keine Existenz jenseits von Geschichte oder Gesellschaft. Sie ermutigte Generationen von Feministinnen, darunter die junge Alice Schwarzer, mit der sie von 1972 an auch gemeinsam bei Kampagnen auftrat. Sie prägte eine Weltanschauung, eine Epoche, ein neues Selbstbewusstsein.

Zwanzig Jahre später, Beauvoir war über sechzig, schrieb sie „Das Alter“. Das Buch war ebenso enzyklopädisch angelegt wie „Das andere Geschlecht“, es bohrte wieder in der Wunde der bürgerlichen Gesellschaft. Sie schreibe, so Simone de Beauvoir 1970, „um die Verschwörung des Schweigens zu brechen“. Auf den darauffolgenden über siebenhundert Seiten schildert sie die Erniedrigung der Alten, das Abschieben in eine Art sozialer Unterschicht. Zwölf Prozent der Franzosen, schrieb sie damals, seien älter als 65 Jahre – das Buch müsste heute nicht nur ein Klassiker, sondern ein Bestseller sein.

Das Foto der Läuferin K. V. Switzer wurde später von „Time Magazine“ unter die „100 Bilder, die die Welt veränderten“ gewählt. Simone de Beauvoir schrieb Bücher, die die Welt verändert haben. Danke, Simone de Beauvoir.

Text: F.A.Z., 09.01.2008, Nr. 7 / Seite 29
Bildmaterial: AP

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