„Vom Glück in den Städten“

BuchumschlagGedanken zu dem Buch
„Vom Glück in den Städten“ von Bogdan Bogdanovic

Dies ist eine Ausarbeitung, die im Rahmen des Seminars Architekturtheorie bei Professor Sundermann entstanden ist. Am Anfang des Semesters gab es die Aufgabe, sich ein Buch auszusuchen, es durchzulesen und dann die Gedanken und Thesen, die im Buch transportiert wurden oder die einem beim lesen selbst kamen, der Gruppe vorzustellen und zu diskutieren. Das Buch sollte dabei ein Thema beinhalten, was einen gerade beschäftigt bzw. interessiert.

Warum habe ich dieses Buch gewählt? Ich hatte es eine Woche vor Ausgabe der Aufgabe gekauft. Darauf Aufmerksam geworden bin ich beim stöbern im Buchladen. Der Text vom Einband hatte mich neugierig gemacht: „»Ich bin überzeugt, daß man eine Stadt nur als Fußgänger richtig lesen kann«, schreibt der Architekt und ehemalige Bürgermeister seiner Heimatstadt Belgrad, Bogdan Bogdanovic. Eine Stadt lesen, das ist für den berühmten Urbanisten ein sinnlich-poetischer Vorgang: die Architektur atmen, den Erinnerungen der Bewohner lauschen, den Mythen der Geschichte nachspüren. Auf diese Weise erhält man Auskunft über Charakter, Lebenskraft, Persönlichkeit und Zukunft einer Metropole. In diesem Buch nimmt Bogdan Bogdanovic den Leser mit in seine Städte – mit auf die Reise fast um den Globus, auf eine Zeitreise durch ein halbes Jahrhundert. …… Mit feiner Ironie und Sinn fürs Groteske zeigt Bogdan Bogdanovic, wie sich ihm die »Archäologie der Zukunft« darstellt.“

Seine Ansätze der Wahrnehmung von einer Stadt, die hier angerissen wurden, trafen genau den Nerv. Ich wollte mehr über diese Person und ihre Erlebnisse erfahren. Deshalb hab ich es gekauft. Der Aspekt, weshalb ich mich dann entschied es in der Architekturtheorie zu behandeln, war dann aber der, das Bogdan Bogdanovic mit einer sehr feinen Sprache seine Erinnerungen einbringt. Er vermag die Stadt zu lesen und diese Lektüre sehr spannend zu vermitteln. Die Art und Weise, wie er dies tut, ist dabei sehr wichtig. Es geht ihm nicht darum, Theorien und Lösungen zu liefern, sondern er zeigt interessante Ansätze und Ideen, genauso wie Kuriositäten und Unsinnigkeiten, auf. Dabei überzeugt er als einer, der weiß, welche Werte auf dem Spiel stehen.

Erst einmal einige Daten zur Person des Bogdan Bogdanovic, um sich ein Bild von ihm machen zu können. Geboren wurde er am 20.08.1922 in Belgrad. In den Kriegsjahren von 1941 – 45 war er aktiv im antifaschistischem Widerstand. Bis 1950 studierte er Architektur an der Fakultät für Architektur in Belgrad. In den Jahren von 1952 – 81 gestaltete er zahlreiche Denkmäler und Gedenkstätten im ehemaligen Jugoslawien. Er war von 1964 – 68 Vorsitzender des jugoslawischen Architektenverbandes. Neben Aleksej Brkic zählt er zu den Wegbereitern der modernen serbischen Architektur. Zahlreiche nationale und internationale Preise und Auszeichnungen begleiten seine Arbeit, unter anderem z.B. 1964 Preis des Architektenverbandes; 1973 ehrenvolle Erwähnung der Biennale in Sao Paulo. 1973 wurde er als Professor für Urbanologie an die Universität von Belgrad berufen. 1981 tritt er aus der serbischen Akademie der Wissenschaften aus um sich der Politik zu widmen. Von 1982 – 86 war er dann Bürgermeister von Belgrad. 1987 zog er sich dann aus der Politik zurück und tritt offen gegen die Belagerung von Sarajevo und gegen den serbischen Nationalismus auf. 1993 wird er dann vom serbischen Diktator Milosevic, gegen den er sich mit großem Engagement eingesetzt hat, vertrieben. Seitdem lebt er in Wien im Exil. Als Autor von zahlreichen Publikationen, bei denen er sich hauptsächlich zur Architektur der Stadt äußert, erlangte er weltweite Beachtung. Davon zeugt seine ellenlange Bibliographie. 1997 erschienen seine Erinnerungen „Der verdammte Baumeister“ beim Zsolnay Verlag in Wien, wo 2002 auch das hier behandelte Buch verlegt wurde.

„Vom Glück in den Städten“ nimmt einen mit auf eine Reise über 24 Stadionen rund um den Globus, wobei ein halbes Jahrhundert den Zeitrahmen gibt. Bogdan Bogdanovic weiß von vielen kleinen Anekdoten zu erzählen. Ich werde einige kleine Teile hier ansprechen, um einen Einblick geben zu können und um neugierig zu machen. Im Endeffekt rate ich einfach, dieses Buch zu lesen.

In der ersten Stadion, was dann auch das erste Kapitel des Buches ist, berichtet er von seiner Heimatstadt Belgrad. Der Titel »Über Städte an großen Flüssen und über Urbanisten die nicht schwimmen können« spricht schon eine klare Sprache. Anhand von kleinen und großen Mißgriffen, von denen er zu erzählen weiß, zeigt er so manche Absurdität, aber auch großartige, aber leider mißverstandene, Entwürfe auf, die durch ihre sinnfreie Anwendung nicht dem eigentlichem Geist entsprechen.

Er weiß von einem Hydrotechnischem Institut zu berichten, welches zur Erforschung von Flüssen und ihrer Launen bebaut wurde. Es wurde mit modernen Hallen zur modellhaften Untersuchung ausgestattet, nur leider ca. 20 Kilometer von den Flußufern entfernt auf einem Berg. »Und so wie die geduldigen Schildbürger mit Töpfen und Schaufeln das Licht in ihr fensterloses Rathaus getragen hatten, so fuhren die ausdauernden Erbauer des Sozialismus das Wasser in Kanistern auf den Berg und schütteten es in riesige Betonbecken.«

Durch seine scharfe, klare Aufnahmefähigkeit in Verbindung mit der feinsinnigen und sinnlichen Sicht kann Bogdanovic ein sehr intensives Bild einer Stadt zeichnen. »Das alte Belgrad und das alte Zemun waren noch in den ersten Jahren nach dem zweiten Weltkrieg zwei Städte für sich, zwei Erscheinungen, zwei Persönlichkeiten. ………. Vor ziemlich langer Zeit jedoch, wenn ich nicht irre, genau in dem Jahr, als ich die Ehre hatte, das Licht dieser bunten Welt zu erblicken (1922), wurden die ersten Pläne eines für jene Zeit geradezu unglaublichen Projekts entworfen. In der physisch und geistig armen Umgebung der damaligen technischen Verwaltung – Belgrad hatte nicht mehr als 100.000 Einwohner – tauchte mit ein paar kommunalen Ingenieuren auch ein Champion der Architektur auf, der ehemalige Chef-Urbanist von Sankt Petersburg. Beim Kaffee und in gebrochenem Serbisch brachte er wie aus Spaß die ersten Entwürfe für eine dritte Stadt zu Papier: ………. Die erwähnte Skizze wurde später sorgsam vergrößert und korrekt ausgearbeitet, so das die Idee zum Glück erhalten blieb. Sie verrät ………. großes Verständnis für die Besonderheiten von Städten am Wasser.«

Damit hört dieses Kapitel aber nicht auf. Wie das oft ist, konnte dieses Projekt aus finanziellen und technischen Möglichkeiten damals nicht realisiert werden. Nach dem zweitem Weltkrieg und der Gründung des multikulturellen und mehrsprachigen Staates Jugoslawien kam es zu dem Beschluss auf dem Areal zwischen den beiden Städten eine neue Bundeshauptstadt zu gründen. Damit wurde eine Idee wieder aufgegriffen, aber wie so oft, aus dem Zusammenhang gerissen und nur halbherzig umgesetzt. Die Unfähigkeit von den ideenlosen Nachahmern sorgt dann dafür, das nichts mehr von dem einstigen Charme übrig bleibt. So weiß Bogdanovic weiter zu berichten:

»Beim großen gesamtjugoslawischen Wettbewerb zeigte sich indies, daß die kollektiven Vorstellungen vom Bild unserer Nova Solyma trotz der Trance, in der sie entstanden, nicht besonders inspiriert waren. Sie beschränkten sich mehr oder weniger auf quadratische oder rechteckige Städte. Und das harmonisierte absolut nicht mit den sanften, sehr schönen Windungen der Flußufer. Jenes Projekt aus den frühen Zwanzigern, noch ganz in den Traditionen des russischen Urbanismus, war in seinen Konturen weder orthogonal noch monozentrisch gewesen. Im Gegenteil, es zerfiel in mehrere Sterne für Verkehr und Fußgänger, durch die man in zahllosen Kombinationen leicht zu den Flußufern gelangen konnte. Der Meister von der Neva hatte offenbar viele Ideen in der Tasche und geizte nicht damit. Vor allem kannte er die elementare Tatsache, daß die Bürger von Städten am Wasser hin und wieder auch ans Wasser und nicht von ihm abgegrenzt werden wollen.«

Bogdanovic ist als ein Vertreter der Moderne zu bezeichnen. Dabei hat er aber auch nicht nur positive Worte für sie übrig. »So kam es, daß Neu-Belgrad heute nur ein, vielleicht das größte, jedenfalls das teuerste unvollendete Denkmal des CIAM-Urbanismus (Congrès internationaux d´architecture moderne) ist.« Dabei verwendet er sehr humorvolle und bezeichnende Vergleiche: »Die unvollendete „dritte Stadt“, erbaut auf umgedrehten unterirdischen Sandpyramiden, übersät von erschreckend plumpen Betonkisten, erinnert aus der Vogelperspektive so an Le Corbusiers frühe urbanistische Paradigmen, wie vorjähriger Salat an frisches Gemüse erinnern kann.«

Bogdanovic scheint sich mit Le Corbusier auseinandergesetzt zu haben, wobei er dessen Ansätze aber in Frage stellt. Mit Ironie gibt er dies zu verstehen: »Wenn man im Übrigen seine urbanistischen Ideen jemals irgendwo integral realisiert worden wären, sähen sie heute nicht viel besser aus als das, was wir geerbt haben. Als man dem legendären Meister vor seinem Lebensende Fotos von Neu-Belgrad aus der Luft und vom Boden zeigte, soll er gejammert haben: »Bon Dieu, que c´est laid …« Er hatte wohl nicht begriffen, das die Überbringer der Fotos sich ihm als Musterschüler empfehlen wollten.«
Die Art und Weise, wie Bogdanovic einen Stadtraum wahrnimmt ist eine seiner Stärken. »Ich ging auf die Jagd nach kaum bemerkbarem urbanologischem Filterkram, in der festen Überzeugung, daß man selbst aus den bedeutungslosesten Krümeln vieles über die Stadt, ihre Lebenskraft, ihren Charakter, ihre Persönlichkeit und ein wenig auch über ihre Zukunft lernen kann. Ich ließ mich auf leidenschaftliche Expeditionen ein und genoß meine Entdeckungen.« Das Genießen können, ist für mich eine unabdingbare Voraussetzung. Nur wer die schönen Dinge und auch das Leben an sich, in vollen Zügen, genießen kann, ist auch in der Lage etwas Schönes und Sinnliches zu schaffen. Wichtig dabei ist auch der Maßstab. Dazu zählt auch seine Art eine Stadt mit dem Hacken zu vermessen. »Meine Methode war die Johnnie-Walker-Methode. Und ein bisschen auch die von Mister Pickwick, wenn man an die Ausdauer des Kundschaften denkt.« An dieses Prinzip hält er sich noch heute, sagt er, und daß mit jetzt über 80 Jahren. Es ist auch ein Ausdruck seiner Menschlichkeit.

In den weiteren Kapiteln nimmt er den Leser mit durch die Nachkriegstädte Europas, in denen er auf den Spuren seiner Vorbilder, wie Schinkel und Weinbrenner, wandelt. Gespickt von damaligen Notizen läßt er die alten Eindrücke Revue passieren. Er gibt einen Einblick in seine Vorlesungen und Diskussionen mit Studenten, die er anhand von originalen Tonaufzeichnungen rekonstruiert hat. Bogdanovic ist einer der wenigen Vertreter die in der geteilten Nachkriegsordnung in beide konkurierende Systeme Zugang hatte. So kann er von den Studentenunruhen Ende der Sechziger an der Ostküste der USA, die er miterlebt hat, genauso erzählen, wie vom Geburtsort Stalins oder vom von Mao zerstörten Peking, wo er das Angebot erhielt, die Planung der Stadt zu übernehmen. Als er Bürgermeister von Belgrad war, erhielt er eine Einladung von Kim Il Sung zu einem Besuch von Pjöngjang. »Plötzlich betrat ich das Land Utopia, fand mich buchstäblich unter echten Utopianern, begegnete ihren ungewöhnlichen Sitten, verlor mich bewundernd in den Finessen ihrer Lebensphilosophie.« Hier zieht er Vergleiche zwischen dem Land Utopia und Nordkorea.

Ich persönlich muß sagen, daß mich dieses Buch sehr inspiriert hat. Die sinnlich-poetische Sicht von Bogdan Bogdanovic, sowie seine leichte und verspielte Erzählweise, lassen einen das Buch erst am Ende wieder weglegen. Wir können also froh sein, daß er seine Erinnerungen und Erlebnisse niedergeschrieben hat und wir daran teilhaben zu können. Wie schon am Anfang erwähnt, rate ich jeden dieses Buch zu lesen, es könnte eine wertvolle Erfahrung sein. Ich halte dieses Buch für sehr wertvoll für mich.

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